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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
320
AUSSTATTUNG
SC
PREIS
EUR (D) 8,95
ISBN
3-426-63346-9
ISBN-13
978-3-426-63346-5
ERSCHEINUNGSTERMIN
2012-02-06

 

Leseprobe




Ich bin’s, ich mache mich jetzt auf den Weg und bin
in einer halben Stunde unten vor deinem Haus. Ich
hoffe, du bist da? Verdammter Anrufbeantworter! Ich
komme.«
Peter legte nervös auf, wühlte in seinen Taschen nach
seinem Schlüssel, bis ihm einfi el, dass er ihn dem Pagen,
der die Autos wegfährt, gegeben hatte. Er warf einen
Blick auf seine Uhr. Die Maschine nach Miami startete
erst am späten Nachmittag vom Logan Airport, doch
in unruhigen Zeiten wie diesen hatte man sich entsprechend
der neuesten Sicherheitsvorschriften bereits
zwei Stunden vor Abflug am Flughafen einzufi nden.
Er schloss die Tür seines Apartments in der eleganten
Wohnanlage im Finanzviertel und lief den Flur mit dem
hochfl origen Teppichboden entlang. Er drückte dreimal
auf den Aufzugknopf, eine Geste der Ungeduld, die das
Eintreff en des Lifts noch nie auch nur um eine Sekunde
beschleunigt hatte. Achtzehn Etagen weiter unten eilte
er an Mr Jenkins, dem Hausmeister der Apartmentanlage,
vorbei und informierte ihn, dass er morgen zurück
sei. Er hatte in seinem Eingang einen Sack mit Wäsche für die Reinigung gleich neben der Wohnanlage
zurückgelassen. Mr Jenkins ließ die Ausgabe »Arts and
Culture« des Boston Globe, in der er gerade las, in einer
Schublade verschwinden, notierte den Auftrag von
Peter in seinem Serviceregister und trat hinter seinem
Tresen hervor, um ihm die Tür zu öffnen.
Vor dem Eingang spannte er einen großen Schirm mit
den Initialen der Apartmentanlage auf und schützte Peter
vor dem Nieselregen, der auf die Stadt niederging.
»Ich lasse Ihren Wagen vorfahren«, erklärte er und blickte
auf den verhangenen Horizont.
»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen«, erwiderte Peter
kurz angebunden.
»Mrs Beth, Ihre Flurnachbarin, ist zurzeit verreist, und
als ich den Lift in Ihr Stockwerk fahren sah, habe ich
daraus geschlossen …«
»Ich weiß, wer Mrs Beth ist, Jenkins!«
Der Hausmeister betrachtete die graue Wolkendecke
über ihren Köpfen.
»Übles Wetter, nicht wahr?«, fuhr er fort.
Peter antwortete nicht. Er verabscheute gewisse Vorteile,
die das Leben in einer Luxus-Wohnanlage wie
dieser mit sich brachte. Jedes Mal, wenn er am Empfangstresen
von Mr Jenkins vorbeikam, hatte er den
Eindruck, ein Teil seiner Privatsphäre würde ihm abhanden
kommen. Hinter dem Pult mit Blick auf die
großen Drehtüren kontrollierte der Mann mit dem
Register das Kommen und Gehen in der Anlage. Peter
war überzeugt, dass sein Hausmeister mehr über
seine Gewohnheiten wusste als seine Freunde.

Eines Tages, als er schlecht gelaunt war, hatte er sich über
die Hintertreppe zu seinem Wagen geschlichen, um
das Gebäude durch die Tiefgarage zu verlassen. Bei seiner
Rückkehr schritt er erhobenen Hauptes an Jenkins
vorbei, als dieser ihm höfl ich einen Schlüssel mit einem
runden Kopf überreichte. Peter sah ihn verständnislos
an, woraufhin Jenkins in beiläufi gem Tonfall meinte:
»Falls Sie einmal in Erwägung ziehen sollten, den Weg
in umgekehrter Richtung zu gehen, wird Ihnen der
Schlüssel von Nutzen sein. Die Türen im Treppenhaus
sind von innen verriegelt, dieses ärgerliche Problem
lässt sich hiermit beheben.«
Im Aufzug setzte Peter alles daran, sich nichts anmerken
zu lassen, denn er konnte sicher sein, dass Jenkins
jede Regung, gefi lmt von der Überwachungskamera,
zur Kenntnis nehmen würde. Und als er sechs Monate
später eine fl üchtige Aff äre mit einer gewissen ( aly,
einem jungen aufgehenden Stern am ( eaterhimmel,
hatte, zog er die Anonymität eines Hotelzimmers der
verzückten Miene seines Hausmeisters vor, dessen unveränderlich
gute Laune ihm im höchsten Maß auf die
Nerven ging.
»Ich glaube, ich höre den Motor Ihres Wagens. Er dürfte
nicht mehr lange auf sich warten lassen, Sir.«
»Erkennen Sie jetzt auch schon die Autos an ihren Geräuschen,
Jenkins?«, fragte Peter in bewusst provozierendem
Tonfall.
»Oh, nicht alle, Sir, aber Ihr alter Engländer gibt, wie
Sie zugeben müssen, ein leichtes Klicken der Kolben
von sich, eine Art >Dadeedoo<, das an den reizenden Akzent unserer Brüder auf der anderen Seite des Ozeans
erinnert.«
Peter zog die Brauen hoch, er kochte. Jenkins gehörte zu
denjenigen, die ihr ganzes Leben davon geträumt hatten,
als Untertan Ihrer Majestät geboren zu sein – Zeichen
einer gewissen Eleganz in dieser Stadt mit angelsächsischen
Traditionen. Die großen runden Scheinwerfer
des Jaguar Coupé XK 140 tauchten aus dem Schlund
der Tiefgarage auf. Der Page stellte den Wagen vor der
weißen Linie in der Mitte der Auff ahrt ab.
»Was Sie nicht sagen, mein lieber Jenkins!«, rief Peter
und trat auf die Fahrertür zu, die der Page für ihn geöff -
net hielt. Mit verdrießlicher Miene nahm Peter hinter
dem Steuer Platz, ließ den alten Engländer aufheulen
und fuhr los, wobei er Jenkins ein kleines Zeichen mit
der Hand gab.
Er prüfte im Rückspiegel, ob dieser, wie gewöhnlich,
warten würde, bis er um die Ecke gebogen war, bevor er
an seinen angestammten Platz zurückkehrte.
»Alter Kauz! Du bist in Chicago geboren, und deine
ganze Familie ist in Chicago geboren!«, murmelte er.
Er steckte sein Handy in die Halterung am Armaturenbrett
und drückte die Taste, unter der Jonathans
Privatnummer gespeichert war. Er näherte sich dem
Mikro, das an der Sonnenblende angebracht war, und
brüllte:
»Ich weiß, dass du zu Hause bist! Du hast keine Ahnung,
wie mir dein Anrufbeantworter auf die Nerven
geht. Was immer du gerade tust, dir bleiben neun Minuten.
Ich kann dir nur raten, pünktlich zu sein!«

Er beugte sich vor, um den Sender seines im Handschuhfach
untergebrachten Radios zu wechseln. Als
er sich wieder aufrichtete, sah er in noch relativ unbedenklichem
Abstand von seinem Kühlergrill eine
Frau die Straße überqueren. Bei genauerem Hinsehen
bemerkte er, dass ihr beschwerlicher Gang der eines
betagten Menschen war. Seine Reifen hinterließen ein
paar schwarze Gummispuren auf dem Asphalt. Als der
Wagen zum Stehen gekommen war, riss er die Augen
auf. Die Frau setzte unbeirrt ihren Weg fort. Die Hände
noch immer fest um das Lenkrad geklammert, holte er
tief Luft, öff nete den Sicherheitsgurt und kletterte aus
seinem Coupé. Er eilte auf die Dame zu, nahm sie am
Arm und half ihr, wirre Entschuldigungen stammelnd,
die letzten Meter zurückzulegen, die sie noch vom Bürgersteig
trennten.
Er reichte ihr seine Visitenkarte, entschuldigte sich
noch einmal und schwor, seinen ganzen Charme aufbietend,
dass ihn die nächste Woche Gewissensbisse
quälen würden, weil er ihr einen solchen Schrecken
eingejagt hätte. Die alte Dame sah ihn verwundert an
und beruhigte ihn, indem sie ihren weißen Stock in die
Luft hob. Allein ihr nachlassender Gehörsinn konnte
eine Erklärung dafür sein, dass sie, als er galant ihren
Arm ergriff en hatte, leicht zusammengezuckt war. Peter
entfernte ein Haar, das sich auf der Schulterpartie
ihres Regenmantels verirrt hatte, und überließ sie ihrem
Schicksal. Als er erneut am Steuer saß und den vertrauten
Geruch nach altem Leder wahrnahm, beruhigte er
sich wieder. In gemächlichem Tempo setzte er seine
Fahrt zu Jonathans Wohnung fort. Bei der dritten Ampel
pfiff er bereits vor sich hin.

---

Jonathan stieg die Stufen seines hübschen Hauses im
alten Hafenviertel hinauf. Die Treppe führte zu einem
Atelier mit Glasdach, wo seine Freundin malte. Anna
Valton und er waren sich eines Abends bei einer Vernissage
begegnet. Die Stiftung einer reichen, diskreten
Sammlerin der Stadt hatte die Ausstellung von Annas
Arbeiten ermöglicht. Beim Betrachten der Bilder war
ihm aufgefallen, welche Eleganz all ihre Arbeiten ausstrahlten.
Ihr Stil gehörte einem Jahrhundert an, dem
er seine Karriere als Gutachter gewidmet hatte. Annas
Landschaften schienen unendlich zu sein, und er
bediente sich, um sie zu kommentieren, einer äußerst
gewählten Sprache. Die positive Reaktion eines renommierten
Experten wie Jonathan ging der jungen Frau,
die zum ersten Mal ihre Bilder ausstellte, sehr zu Herzen.
Seither waren sie praktisch unzertrennlich, und im
darauf folgenden Frühjahr waren sie in dieses Haus
am alten Hafen gezogen, das Anna ausgewählt hatte.
Der Raum, in dem sie den Großteil ihrer Tage und
gelegentlich auch ihrer Nächte verbrachte, war mit einem
eindrucksvollen Glasdach versehen. In den frühen
Morgenstunden fl utete das Licht durch den Raum undverlieh ihm eine geradezu magische Atmosphäre. Von
der weißen Ziegelwand bis hin zu den großen Fenstern
war der Boden mit hellem rustikalem Parkett ausgelegt.
Wenn sie ihre Arbeit unterbrach, rauchte Anna gerne,
auf einer der hölzernen Fensterbänke sitzend, eine Zigarette,
und genoss den herrlichen Blick über die ganze
Hafenbucht. Bei jeder Witterung öff nete sie eines der
Hebefenster, die leicht in ihren Schienen auf und ab
glitten, und genoss die Mischung aus Tabakduft und
feuchter Meeresluft.
Peter parkte seinen Jaguar am Bordstein und hupte.
»Ich glaube, dein Freund ist da«, sagte sie, als sie Jonathan
hinter sich hörte.
Er kam näher, schlang die Arme um sie, tauchte den
Kopf in den Schatten ihres Halses und drückte ihr einen
Kuss auf den Nacken. Anna fröstelte.
»Du lässt Peter warten!«
Jonathans Hand glitt in den Ausschnitt ihres Baumwollkleides
und legte sich auf ihre Brust. Das Hupen
draußen wurde ungeduldiger, sie schob ihn lächelnd
zurück.
»Dein Zeuge ist ein bisschen störend, also mach dich
auf zu deiner Konferenz. Je eher du aufbrichst, desto
eher bist du wieder zurück.«
Jonathan küsste sie noch einmal und verschwand. Als
sie die Eingangstür ins Schloss fallen hörte, zündete sich
Anna eine weitere Zigarette an. Peters Hand tauchte für
einen Augenblick aus dem Wagenfenster auf, um ihr zuzuwinken,
dann entfernte sich der Jaguar. Anna seufzte
und richtete den Blick auf den alten Hafen, wo einst soviele Einwanderer von Bord der Schiff e gegangen waren.
»Warum kannst du nie rechtzeitig kommen«, fragte Peter.
»Nach deiner Zeit?«
»Nein, nach der Zeit, zu der die Flugzeuge starten, zu
der man zum Mittag- oder Abendessen verabredet ist,
die Zeit, die man von unseren Uhren abliest, aber du
trägst natürlich keine!«
»Du bist ein Sklave der Zeit, ich dagegen widersetze
mich ihr.«
»Wenn du deinem Psychiater so einen Käse erzählst,
kannst du sicher sein, dass er dir anschließend nicht
mehr zuhört. Er wird sich höchstens noch die Frage
stellen, ob er sich dank deines Honorars den Wagen seiner
Träume lieber als Coupé oder Cabrio wird kaufen
können.«
»Ich habe keinen Psychiater!«
»Vielleicht solltest du dir einen suchen. Wie fühlst du
dich?«
»Und du – was hat dir so die Laune verdorben?«
»Hast du den Artikel Arts and Culture im Boston Globe
gelesen?«
»Nein«, antwortete Jonathan und sah aus dem Fenster.
»Selbst Jenkins hat ihn gelesen! Die Presse bringt mich
noch um!«
»Ach ja?«
»Gib’s zu, du hast ihn gelesen!«
»Ein kleines bisschen«, erwiderte Jonathan.
»Irgendwann an der Uni habe ich dich gefragt, ob du
mit Kathy Miller, in die ich verliebt war, geschlafen hast
oder nicht, und du hast geantwortet: Ein kleines bisschen.
Könntest du mir erklären, was du mit ein kleines
bisschen sagen willst? Die Frage stelle ich mir nun seit
zwanzig Jahren …«
Peter schlug mit der Hand auf das Lenkrad.
»Sag mal, hast du diesen Titel gelesen: Die letzten Verkäufe
des Auktionators Peter Gwel sind enttäuschend!
Und wer hat für einen Seurat eine Summe erzielt, die
alle Rekorde der letzten zehn Jahre bricht? Wer hat
den spektakulärsten Renoir-Verkauf getätigt? Und die
Bowen-Sammlung mit ihrem Jongkind, ihrem Monet,
ihrer Mary Cassatt und all den anderen? Und wer war
einer der Ersten, die auf Vuillard gesetzt haben? Hast du
gesehen, wie er heute bewertet ist!«
»Peter, du regst dich völlig umsonst auf. Der Beruf des
Kritikers besteht eben im Kritisieren, und fertig.«
»Ich hatte vierzehn panische Nachrichten von meinen
Geschäftspartnern bei Christie’s auf dem Anrufbeantworter.
Das tut weh, glaube mir!«
Er hielt vor einer roten Ampel und schimpfte weiter.
Jonathan wartete ein paar Minuten und drehte dann
am Knopf des Radios. Die Stimme von Louis Armstrong
ertönte. Jonathan bemerkte eine Schachtel auf
dem Rücksitz.
»Was ist das?«
»Nichts«, knurrte Peter.
Jonathan drehte sich um, untersuchte den Inhalt und
lachte.
»Ein Elektrorasierer, drei zerfetzte Hemden, zwei abgeschnittene Pyjamabeine, ein Paar Schuhe ohne Schnürsenkel,
vier zerrissene Briefe und alles mit Ketchup bekleckert
… Hast du Schluss gemacht?«
Peter drehte sich halb um, damit er den Karton auf den
Boden befördern konnte.
»Hast du nie mal eine schlechte Woche?«, fragte Peter
und stellte das Radio lauter.
Jonathan spürte sein Lampenfi eber wachsen und teilte
es seinem Freund mit.
»Du hast überhaupt keinen Anlass, nervös zu werden,
du bist unschlagbar.«
»Das ist genau die Art von idiotischer Bemerkung, die
einen die Wände hochgehen lässt.«
»Ich hätte beinahe jemanden angefahren; mir sitzt der
Schreck noch in den Knochen.«
»Wann?«
»Vorhin, als ich von zu Hause aufgebrochen bin.«
Der Jaguar fuhr wieder an, und Jonathan sah die Gebäude
des alten Hafens vorübergleiten. Sie nahmen den
Highway, der zum Logan Airport führte.
»Wie geht’s dem guten Jenkins?«, erkundigte sich Jonathan.
Peter stellte den Wagen auf dem Platz gegenüber dem
Häuschen des Parkwächters ab. Er steckte ihm diskret
einen Schein zu, während Jonathan seine alte Reisetasche
aus dem Koff erraum holte. Auf dem Weg zum
Ausgang des Parkplatzes hallten ihre Schritte wider. Wie
immer verlor Peter die Geduld, als er gebeten wurde,
seinen Gürtel abzulegen und seine Schuhe auszuziehen,
nachdem das Sicherheitsportal dreimal gepiepst hatte.


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