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Raymond Levy, Marc Levys Vater. Um sich zu schützen, nannte er sich im Untergrund "Jeannot" Raymond Levy, Marc Levys Vater. Um sich zu schützen, nannte er sich im Untergrund "Jeannot"

Auch er leistete in der 35. Brigade Widerstand: Claude Levy, Marc Levys Onkel Auch er leistete in der 35. Brigade Widerstand: Claude Levy, Marc Levys Onkel

Der Personalausweis von Raymond während des Zweiten Weltkriegs in Toulouse Der Personalausweis von Raymond während des Zweiten Weltkriegs in Toulouse

 

Interview mit Marc Levy

65 Jahre Résistance

 

Interview mit Marc Levy


Monsieur Levy – wie viel an der Geschichte über Ihren Vater und Ihren Onkel ist Fiktion und wie viel Wirklichkeit? Anders gefragt: Hatte sie schon alle dramaturgischen Elemente, die ein Roman benötigt?

Marc Levy: Mit Ausnahme der Dialoge, die ich mir überlegt beziehungsweise rekonstruiert habe, ist alles in diesem Buch wahr. Sogar die Episode mit der Brille im Eimer, die sich äußerst unwahrscheinlich anhört. Außerdem ist jede Figur real. Die Namen sind echt, die Orte, die Daten, die Ereignisse: alles Tatsachen. Ich schätze, das dürfte auch den zweiten Teil Ihrer Frage beantworten.


Gab es ein Tagebuch – oder hat Ihr Vater Ihnen alles erzählt?
Marc Levy: Mein Vater hat – wie so viele Menschen, die den Krieg erlebt haben – niemals darüber gesprochen. Ich war 24 Jahre alt, als ich, beinahe zufällig, von einem seiner Freunde erfuhr, dass mein Vater sich während des Zweiten Weltkriegs Jeannot nannte. Nachdem ich das entdeckt hatte, dauerte es weitere zehn Jahre, bis ich die ganze Geschichte kannte. Die Geschichte einer Gruppe junger Widerstandskämpfer, die sich die 35. Brigade nannte. Noch heute spricht mein Vater nicht über das, was damals geschah.

Les enfants de la liberté ist Ihr erster biographischer Roman. Was war, im Vergleich zu Ihren anderen Geschichten, anders beim Schreiben?
Marc Levy: Das Ausarbeiten dieser Geschichte war tatsächlich ganz anders. Mein zweiter Roman „Wo bist du?“ basierte zwar auch schon auf einem wahren Ereignis, aber hier waren die Figuren frei erfunden. In „Kinder der Hoffnung“ liegen die Dinge anders, denn all diese Jugendlichen hat es wirklich gegeben. Da hat man beim Schreiben natürlich nicht die gleichen Freiheiten, kann seine Vorstellungskraft nicht den Großteil der Arbeit verrichten lassen. Während ich dieses Buch schrieb, musste ich bei den Tatsachen bleiben. Noch wichtiger für mich: Ich wollte erzählen, wer diese Kinder eigentlich waren, wie sie sich verhielten, wie sie sich fühlten. Denn darum geht es schließlich: die Leser in die Situation der jungen Widerstandskämpfer zu versetzen. Inklusive ihrer emotionalen Verfassung.

Wie haben Sie recherchiert – konnten Sie noch mit anderen Zeitzeugen sprechen?
Marc Levy: Ich habe fast zehn Jahre für meine Nachforschungen gebraucht: Bücher finden und lesen, Zeugenaussagen miteinander verbinden, in Archiven graben. Ich hatte die Chance, ein paar wenige Zeitzeugen zu treffen. Es waren wirklich nur ein paar, denn ich habe die Recherchen vor meinem Vater verborgen. Ich wollte nicht, dass er von meiner Absicht, über ihn und seine Freunde zu schreiben, erfuhr, bevor ich die Story beendet hatte. Nun ist sie veröffentlicht, und ich muss sagen: Wenn ein Historiker mich darauf hinweisen sollte, dass ein Datum oder ein Schauplatz nicht korrekt dargestellt wurde, dann werde ich mich entschuldigen und die Fakten korrigieren. Doch es wäre weitaus schlimmer für mich, wenn die Kinder der Hoffnung mir sagen würden, ich hätte da etwas missverstanden, hätte falsch interpretiert, wer sie eigentlich waren.

Zum Glück bekam ich eines Morgens – zwei Wochen, nachdem das Buch in Frankreich veröffentlicht war – einen wundervollen Anruf. Es war Damira. Es war wirklich das erste Mal in meiner Schriftstellerkarriere, dass mich eine Heldin aus einem eigenen Buch angerufen hat (Lauren hat es nie getan)! Die Stimme sagte: „Hallo Marc, hier spricht Damira“, und ich war so überwältigt, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Und dann sagte sie mir das Einzige, was ich gehofft hatte zu hören: „Als ich Ihr Buch gelesen habe, verbrachte ich sechs Stunden mit einigen sehr engen Freunden. Ich hätte nie erwartet, sie jemals wiederzusehen.“ Als ich diese wenigen Worte hörte – und ich werde sie nie vergessen – fühlte ich, dass ich den Job eines aufrichtigen Mannes erledigt hatte.

Sie müssen stolz auf Ihren Vater sein. Was sagt er denn zu Ihrem Buch?
Marc Levy: Ich war bereits stolz auf meinen Vater, lange bevor ich von seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg erfuhr. Am meisten stolz bin ich auf den Mann und Vater, der er schon sein ganzes Leben lang ist. Als ich ihn mit 24 fragte: Warum hast du mir nie davon erzählt, wer du warst und was du getan hast?“, murmelte er: „Das einzige, was ich möchte, ist, dass du mich als das in Erinnerung behältst, was ich war: dein Vater.“ Und das werde ich tun.

Er lächelte auf bescheidene Weise und sagte mir ein paar Dinge, die ich zwischen ihm und mir bewahren möchte. Dann lächelte er erneut und fragte, wovon mein nächster Roman handeln würde. Er war betroffen, als ich es ihm sagte. Er fragte sich ernsthaft, warum Leser an seiner Geschichte interessiert sein sollten. So ist mein Vater, und darum liebe ich ihn.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Marc Levy.
Die Fragen stellte Katja Volkmer

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